Prolog – Schulkonzept

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„Ich weiss nicht, ob es besser wird, wenn es anders wird. Aber es muss anders werden, wenn es besser werden soll.“

Georg Christoph Lichtenberg, Physiker, 1742 – 1799

Warum planen wir Lernbüros, Werkstattunterricht und Projektunterricht? Warum unterrichten wir nicht – wie gehabt – Deutsch, Mathe, Englisch, Biologie, Kunst und alle anderen Fächer, in der “bewährten” 45 Minuten Taktung?

Warum machen wir uns die Mühe, die bestehenden Lehrpläne, die zwar zu erlernende Kompetenzen in den Vordergrund rücken und kontextorientiertes Lernen fordern, dabei aber immer noch für die Fächer einzeln formuliert sind, an unser Konzept anzupassen?

Warum gehen wir neue Wege, verlassen vertrautes Terrain und nehmen die Ungewissheit des Neuen auf uns?
Die Antwort hat Georg Christoph Lichtenberg bereits im 18. Jahrhundert formuliert: “Weil es nicht mehr anders geht, wenn es besser werden soll!” Besser bedeutet für Schulen – insbesondere für die weiterführenden Schulen – eine Hinwendung zu jedem Lernenden. Nicht der Fächerkanon, der je nach Zeitalter und Nation alles andere als universelle Gültigkeit hat (z.B. wurde vor 1996 noch jeder eines Fehlers bezichtigt, der Betttuch statt Bettuch schrieb) steht im Mittelpunkt unterrichtlicher Tätigkeit, sondern die Lernenden.

Mit dem Auftrag zur Umsetzung der Inklusion an Regelschulen hat die Notwendigkeit zur Individualisierung von Unterricht eine neue Bedeutsamkeit erfahren. Es kann in einer staatlichen Regelschule mit einer Klassenfrequenz von etwa 29 Schüler_innen nicht gelingen, jede/n Lernende/n zum Objekt eines diagnostischen Verfahrens zu machen, um dann individuell maßgeschneiderte Unterrichtsangebote bereitzustellen. Dieses Vorgehen ist sicher bei einigen wenigen SchülerInnen sinnvoll und nötig, aber für alle müssen wir eine Lernumgebung schaffen, die es den Lernenden erlaubt, ihre persönlichen Fähigkeiten einzubringen, auszubauen und Neues hinzuzulernen.

Wir haben uns in der Vorbereitungsgruppe der Gesamtschule Uellendahl-Katernberg darauf geeinigt, den Leitbegriff der “Potenzialentfaltung” zur Basis unserer schulischen Entwicklungsarbeit zu machen. Dabei beziehen wir uns auch auf Gerald Hüther und Daniel Hunziker, die für das Netzwerk “Schulen der Zukunft” vier Erfahrungsbereiche formulieren, die erreicht werden müssen, damit Potentialentfaltung an Schulen möglich wird:

Eine hohe Beziehungskompetenz der Lehrpersonen, sodass die Würde und Integrität aller beteiligten Menschen geachtet und geschützt wird.

Unsere Lernbüroarbeit basiert auf einem professionellen Beratungskonzept. Hierfür schaffen wir an der GE Uellendahl-Katernberg Raum (jeder Jahrgangsflur verfügt über ein Beratungszimmer) und Zeit (alle Lernenden haben einen verbindlichen wöchentlichen Beratungstermin). Alle Lehrerinnen und Lehrer bilden sich im Führen von Beratungsgesprächen fort. Die andauernde Beziehung zum Klassenlehrerteam und zum Jahrgangsteam sind Grundlage für das einander Kennen und Schätzen. Dieser “emotionale Seite des Lernens”, als Grundlage für Respekt und Wertschätzung, Fürsorge und Vertrauen wird auch nach der aktuell debattierten Hattie-Studie überragende Bedeutung zuteil.

Eine Kultur, welche stärkenorientiert ist, (in der) Lernen mit Freude und Begeisterung stattfinden kann und die Erkenntnisse der Hirnforschung berücksichtigt, so dass Kinder und Jugendliche an Aufgaben wachsen können, welche die Neugierde und die Lust am Lernen erhalten. Die Bildungseinrichtungen berücksichtigen die natürliche individuelle Spanne in der Entwicklung von Kindern und Jugendlichen, so dass die Heterogenität bei der Gestaltung der Lernstrukturen berücksichtigt wird.

Projektunterricht und Werkstattunterricht ermöglichen eine breite Palette an Lerneindrücken über unterschiedlichste Eingangskanäle. Leistungsdifferenzierung (in klassischen Gesamtschulen E/G Kurse) und Neigungsdifferenzierung können binnendifferenziert erfolgen und sind nicht abhängig von der “äußeren” Einschätzung der Lehrkraft, sondern von den Fähigkeiten und Ideen, die die Schüler_innen selbst einbringen. Für beide Unterrichtsformen gilt, dass ein Lernumfeld geschaffen wird, welches einerseits anregend und konkret für Lernende mit wenig Erfahrung ist, andererseits Freiheiten lässt, eigene Ideen zu entfalten. Dieses Lernumfeld zu schaffen, den Ablauf des Unterrichts zu professionell zu reflektieren und jeden Lernenden im Blick zu haben ist die große Herausforderung und große Chance für Unterrichtende, ein anderes Lernen und Leben in der Schule zu gestalten.

In den Lernbüros ist die Ausgestaltung des Lernumfeldes viel konkreter und verbindlicher, hier werden Basiskompetenzen erlernt und geübt. Das fertige Lernumfeld ermöglicht den Unterrichtenden – gerade in den Lernbüros – Kindern mit Verstehensproblemen möglichst in einer 1:1 Situation zu helfen und sie gegebenenfalls anzuleiten (direkte Instruktion).

Die Durchführung von Lernbüros, Projektarbeit und Werkstattarbeit basiert auf einem ganzheitlichen Ansatz, der dazu dienen kann, Individualisierung und Inklusion weitgehend zu realisieren. Wir wollen den Lernenden innerhalb der Erfahrungsraumes unserer Schule drei wichtige Erfahrungsbereiche anbieten, die sie regelmäßig durchlaufen: Das konzentrierte Lernen im Lernbüro, das kreative Gestalten in den Werkstätten und das soziale Miteinander und Aushandeln in den Projekten. Ausgehend von der Überzeugung, das alle Menschen ihre eigenen Stärken haben, können wir in diesen Angeboten alle voneinander lernen.

Die Befriedigung primärer Lebensbedürfnisse und Gelegenheiten, sich als Teil der Natur und einer Gemeinschaft wahr zu nehmen. Wenn Kinder und Jugendliche sich aufgehoben und für eine Gemeinschaft wertvoll erleben, entstehen weniger kompensatorische Sekundärbedürfnisse.

und

Das Raumbieten für eigene Interessen und Begabungen von Kindern und Jugendlichen. Hierdurch das Fördern der Eigenaktivität und Selbstwirksamkeit, sodass sie statt zu Befehlsempfängern, zu Gestaltern ihres Lernens und Lebens werden.

Schule stellt allgemein ein modellartiges Abbild der Lebenswirklichkeit dar, einen Raum, in dem Heranwachsende sich sicher bewegen können sollen, wo der Modellversuch jederzeit vom Lehrenden beeinflusst oder sogar abgebrochen werden kann. Ein solches Umfeld schafft zwar maximale Kontrolle, bietet Schülerinnen und Schülern aber auch nicht die Gelegenheit, eine echte Bedeutsamkeit ihres Handelns zu erfahren. An der Gesamtschule Uellendahl-Katernberg ist gerade im Werkstatt- und Projektunterricht die Möglichkeit gegeben, gemeinschaftlich Probleme zu lösen, Kultur zu schaffen und das direkte Umfeld zu gestalten; Möglichkeiten also, die eigene Sinnsuche der Schüler_innen zu stärken und zu entwickeln.

Dieser Anspruch lässt unsere Schülerinnen und Schüler erleben, dass sie kreative, gestaltende Mitglieder der Bürgerschaft am Katernberg und in Uellendahl sind und dass sie auch schon im frühen Alter ihre Zukunft und die ihrer Mitmenschen mitgestalten können. Projekt- und Werkstattunterricht gibt ihnen die Möglichkeit sich in die Sache zu vertiefen, sie auszugestalten und nicht von der Taktung eines Schulgongs unterbrochen zu werden.

Ich freue mich darauf, gemeinsam mit unseren Schüler_innen, deren Eltern, zahlreichen engagierten Anwohnern und Einrichtungen des Katernbergs und Uellendahls und natürlich allen Kolleg_innen eine Schule aufzubauen, an der Kinder und Jugendliche gerne lernen und leben. Eine Schule, die darüber hinaus ein Treffpunkt für den Katernberg und Uellendahl wird, an dem Menschen zusammenkommen, die ihr Leben und ihr Umfeld miteinander gestalten und genießen.

Ihr

Lutz Wendel
(Schulleiter)